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RedeVeröffentlicht am 23. März 2026

«In Human Biology zu investieren heisst, in Hoffnung zu investieren»

Basel, 23.03.2026 — Rede von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider anlässlich der Eröffnung des Roche Institute of Human Biology in Basel. Es gilt das gesprochene Wort.

Sie haben mich heute zu einer Einweihung eingeladen. Eigentlich eine kurze – wenn auch festliche – Angelegenheit, mit einigen Reden und einer Schlüsselübergabe an den Institutsdirektor. Das kann an eine politische Abstimmung erinnern: Ja oder Nein – ein Kreuz an der richtigen Stelle setzen und – voilà. Aber hinter beiden Vorgängen steckt sehr viel mehr, und sie haben weitreichende Auswirkungen. Die Eröffnung eines neuen Forschungszentrums braucht Jahrzehnte der Planung. Und Sie arbeiten hier künftig an Lösungen, die Geduld, Erkenntnisdrang und langen Atem verlangen; oft zwar mit erklärten Zielen und klaren Absichten, jedoch ohne genau zu wissen, welche Hindernisse noch auf Sie warten…

In der Politik ist es ähnlich: Auch bei uns dauert es manchmal Jahre, bis ein Ergebnis vorliegt. Tragfähige Allianzen zu bilden, kann fast so kompliziert sein wie wirksame Substanzen zu finden. Und auch wenn das Ziel klar ist, wissen wir oft bis zuletzt nicht, wie das Resultat aussieht und wer einen Erfolg verbuchen darf… Und dann beginnt erst die Umsetzung, die mit neuen Herausforderungen aufwartet. Aber wir haben nicht nur vergleichbar lange Prozesse. Sondern auch zahlreiche gemeinsame Interessen.

Das Verhältnis von Roche und der Schweiz ist, um es in der Business-Sprache zu sagen, ein klarer win-win. Die Schweiz steht bei der Innovation und punkto Wettbewerbsfähigkeit an der Weltspitze. Und das verdanken wir ganz wesentlich Roche – und ein paar anderen Firmen, deren Namen mir gerade entfallen sind… Und Roche verdankt auch der Schweiz viel: Attraktive Rahmenbedingungen, ein exzellentes Bildungssystem, einen grossen Fachkräfte-Pool. Und nicht zuletzt eine politische Kultur, die soziale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit verbindet. Es sind dies Standortvorteile, die für die Forschung und Industrie gerade in Basel besonders offensichtlich sind: Die Lage am Dreiländereck fördert die innovative Weitsicht; Und die Wege von der Idee zur Therapie sind kurz, weil das Zusammenspiel von Universität, Universitätsspital und Grossunternehmen gelebter Alltag ist.

Heute geht es nicht nur um eine Einweihung – und nicht nur um ein Gebäude. Es geht um neue Möglichkeiten. Und ja – um Hoffnungen. Und es geht gleichzeitig um die Anerkennung eines patrimoine – eines Erbes aus Know-how und Fortschritts-Optimismus. Das Erbe einer Gründerfamilie, die vor 130 Jahren den Mut hatte, die damalige «F. Hofmann-La Roche & Co.» zu gründen. Ein Unternehmen, das bis heute als «Roche» eng mit Basel verbunden und in Basel verankert ist. Und um die Frage, wie wir dieses Erbe in die Zukunft tragen. Alle in ihren jeweiligen Rollen, aber gemeinsam.

Der Mut, langfristig zu denken

Ich möchte Roche und allen Beteiligten zu dieser Eröffnung herzlich gratulieren. Sie ist ein bemerkenswerter Ausdruck von Zukunftsvertrauen. Denn Forschung funktioniert nicht im Takt von Quartalen. Sie braucht den Mut, langfristig zu denken. Und genau dafür ist ein Ort wie «Bau 92» da: Damit aus Ideen Erkenntnis werden – und aus Erkenntnis eines Tages Therapie. In Human Biology zu investieren heisst, in Hoffnung zu investieren – ganz konkret für Patientinnen und Patienten. Denn hier geht es um Menschen. Um die Patientin, die wissen will, ob eine Behandlung wirkt. Um Angehörige, die hoffen, dass die Forschung ihren Liebsten Zeit und Lebensqualität schenkt. Das ist der Kern Ihres Engagements. Und das ist auch der Massstab, an dem Sie gemessen werden.

Roche investiert mit dem Umbau von «Bau 92» viel in diese hochmoderne Forschungsumgebung. Das ist ein klares Bekenntnis zu Basel und zur Schweiz. Vor allem aber ist es ein Bekenntnis zu den circa 140 Frauen und Männern aus 30 Ländern und verschiedenen Disziplinen, die hier zusammenarbeiten werden. Genau diese Vielfalt macht die Forschung so stark: verschiedene Perspektiven, unterschiedliche Erfahrungen, gemeinsame Neugier – und ein gemeinsames Ziel. Diese Diversität, diese internationale Offenheit ist kein Zufall, sie ist Teil dessen, was die Schweiz ausmacht: Zusammenarbeit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Auch über Grenzen hinweg. Bei den Abstimmungen zur 10-Mio-Schweiz im Juni und etwas später zu den Bilateralen III werden wir zeigen müssen, dass wir diesen Weg der Offenheit auch in Zukunft weitergehen wollen. Für Basel und für die Schweiz als Forschungs- und Innovationsstandort ist dies ein unverzichtbarer Erfolgsfaktor. Der Bundesrat ist überzeugt, dass der bilaterale Weg und starke Beziehungen zu Europa angesichts der geopolitischen Disruptionen künftig sogar noch wichtiger sein werden.

Wir erleben es im Moment täglich: Die Welt ist im Umbruch. Der Wettbewerb um Macht und Einfluss ist härter geworden. Wir sehen, dass grosse Mächte ihre Wirtschaftspolitik unzimperlich an ihren nationalen Interessen ausrichten: in den USA, in China, aber auch anderswo. Das Powerplay der Grossmächte ist gerade für eine kleine, offene und international ausgerichtete Volkswirtschaft wie die Schweiz eine Herausforderung. Für eine Branche wie die Ihre, die weltweit aufgestellt ist und im permanenten Wettbewerb um die klügsten Köpfe steht, ist diese Herausforderung besonders gross. Ich bin mir dessen bewusst. Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, sich daran zu erinnern, was Standortqualität wirklich ausmacht. Sie entsteht dort, wo vieles zusammenkommt: gut ausgebildete Menschen, exzellente Universitäten, starke Spitäler, funktionierende Infrastrukturen, politische Stabilität, Rechtssicherheit, gute regulatorische Rahmenbedingungen – und ein Klima der Zusammenarbeit, der kurzen Wege, in dem Vertrauen wachsen kann.

Die Schweiz gewährleistet das. Wir investieren als Gesellschaft in Bildung und Forschung – in die ETH, in die Universitäten, in den Nachwuchs. So stärken wir die Grundlagen einer Schweiz, die sich im globalen Innovationswettbewerb behaupten kann. Was Innovationskraft bedeutet, zeigt sich eindrücklich in Ihrer Branche. Die konkreten Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebensqualität von Patientinnen und Patienten sind eine der grossen Erfolgsgeschichten der Moderne. Krankheiten, die vor Jahren noch als unheilbar galten, werden heute geheilt. Von diesem Fortschritt profitiert die ganze Gesellschaft. Darum braucht es auch eine Vergütung, die Innovation und Risiko angemessen berücksichtigt.

Innovation fördern, die finanzierbar bleibt

Gleichzeitig findet dieser Fortschritt in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem statt – und in einem System, das für viele Menschen spürbar teurer geworden ist. Die Einwohnerinnen und Einwohner unseres Landes erleben die Belastung Monat für Monat ganz konkret – anhand ihrer Prämienrechnung. Darum gilt: Bezahlbarkeit und Zugang müssen Teil der Innovation sein. Nur wenn die Bevölkerung spürt, dass Forschung und Fortschritt allen zugute kommen und finanziell tragbar sind, bleibt der gesellschaftliche Rückhalt bestehen.

Die Schweiz wird – zum Glück – nicht mittels Dekrete regiert, sondern mittels Volksabstimmungen. Das Vertrauen der Bevölkerung ist darum kein nice to have, sondern notwendige Bedingung für Fortschritt und Innovation. Darum ist es so wichtig, dass wir die Herausforderungen gemeinsam angehen – und nicht einfach auf unterschiedlichen Standpunkten beharren. Gerne garantiere ich Ihnen meine diesbezügliche Offenheit. Forschung und Entwicklung sind teuer. Sie sind riskant. Doch sie versprechen auch ökonomischen Mehrwert, von dem auch die Allgemeinheit profitiert; und sie verdienen Anerkennung. Aber Fortschritt ist erst dann Fortschritt, wenn er bei den Menschen ankommt – medizinisch und auch finanziell.

Der Bundesrat will Innovation fördern – aber er muss auch dafür sorgen, dass sie finanzierbar bleibt. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Bedingung, damit das Vertrauen fortbesteht. Und Vertrauen ist die Grundlage für alles, was wir heute feiern. Aus diesem Grund arbeitet der Bundesrat mit der Pharmabranche und den Kantonen an einer Life-Science-Strategie. Zusammen mit meinem Kollegen Guy Parmelin haben wir eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die noch in diesem Jahr Vorschläge vorlegen soll. Die «Life-Science-Strategie» verbindet Wirtschafts- und Gesundheitspolitik – denn beides gehört zusammen. Diese Strategie soll die guten Rahmenbedingungen weiter verbessern, die Forschung und Innovation stärken, sie soll Talente sichern, die Grundlagenforschung stützen, Prozesse optimieren und angemessene Medikamentenpreise garantieren. Das Ziel ist klar: Der Standort Schweiz soll auch in Zukunft zu den weltweit besten gehören.

«Bau 92», eine Tür zu neuer Zusammenarbeit

Diese Strategie soll gleichzeitig das Vertrauen in unser Gesundheitssystem stärken: durch gleichen Zugang für alle, Transparenz und finanzielle Tragbarkeit. Dafür braucht es den Beitrag vieler: der Wissenschaft, der Industrie, der Politik – und auch der Gesellschaft. Ich lade alle ein, sich konstruktiv einzubringen. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, Lösungen zu finden: pragmatisch, verlässlich und dialogorientiert – mit dem Menschen im Zentrum.

Wir eröffnen heute ein Institut im «Bau 92». Aber eigentlich öffnen wir eine Tür zu neuer Zusammenarbeit. Zu neuen Erkenntnissen. Zu neuen Ansätzen, die das Leben zahlreicher Menschen verbessern können. Ich danke Roche für ihr unermüdliches Engagement zum Wohl der Patientinnen und Patienten. Und ganz besonders danke ich allen jenen, die dieses Projekt möglich gemacht haben – den Forschenden, den Bau- und Planungsteams, den Mitarbeitenden in Wissenschaft und Gesundheitswesen, und auch der Region, die dieses Ökosystem trägt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Denn Ihr Erfolg ist unser aller Erfolg.