Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des Brandes in Crans-Montana am 1. Januar 2026
Martigny (VS), 09.01.2026 — Ansprache von Bundespräsident Guy Parmelin
Liebe Familien und Angehörige
Sehr geehrte Damen und Herren
Erlauben Sie mir, in dieser Zeit tiefer Trauer und grossen Leids in aller Demut einige Worte an Sie zu richten. Zu Beginn des Jahres 2026 hätten wir gerne wie üblich eine neue Seite aufgeschlagen und uns neue Ziele setzen wollen. Für unsere Jugend hätte das Jahr voller Träume und Hoffnungen beginnen sollen. Aber eine Nacht des Grauens hat das alles jäh zerstört.
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hat der heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen beschrieben, dass wir immer in drei Zeiten leben: in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Dieser Gedanke scheint mir am heutigen Tag besonders bedeutsam zu sein: Mehr noch als sonst stehen wir heute zwischen dem Gestern und dem Morgen, zwischen Erinnern und Hoffen.
Am Neujahrstag hat uns ein unvorstellbares Unglück getroffen, ein Unglück, das – ich möchte es betonen – die ganze Schweiz in Trauer vereint hat. Ich glaube, dass ich im Namen des ganzen Landes spreche, wenn ich sage, dass wir heute – wenn auch nur für kurze Zeit – zusammengekommen sind, um die Last dieses Unglücks gemeinsam zu tragen. Sie wird dadurch nicht leichter werden, aber wenn dieser Tag auch nur ein wenig dazu beitragen kann, unsere unendliche Trauer zu lindern, so hat er seinen Sinn bereits erfüllt.
Wenn wir uns an diese schreckliche Nacht erinnern, so denken wir vor allem an die 156 Opfer und daran, wie glücklich und unbeschwert sie eben noch waren.
Diese Tragödie hat in unserem Land tiefe Bestürzung ausgelöst. Heute gedenken wir derer, die nicht mehr unter uns sind, und stehen denen zur Seite, die eine lange und beschwerliche Genesung vor sich haben.
Viele von ihnen waren bei uns in den Ferien: junge Menschen aus Australien, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Finnland, Frankreich, Griechenland, Israel, Italien, der Demokratischen Republik Kongo, Luxemburg, den Philippinen, Polen, Portugal, Rumänien, Serbien, Tschechien, der Türkei und dem Vereinigten Königreich.
Und ausgerechnet bei uns hat ihr bisheriges Leben, das eben noch von friedlichem und entspanntem Zusammensein geprägt war, ein jähes Ende gefunden.
Wir werden weiterhin allen Familien im In- und Ausland beistehen, deren Existenz sich mit dieser Katastrophe so brutal und unwiderruflich verändert hat. Wir sind zutiefst dankbar für die unzähligen Zeichen der Anteilnahme und die grosse medizinische Unterstützung, die wir aus dem In- und Ausland erhalten haben.
Zahlreiche Personen, darunter auch mehrere Schweizer Staatsangehörige, werden derzeit auf Intensivstationen in Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien behandelt.
Diese Solidarität berührt und verpflichtet uns. Wir wissen heute, dass wir in der Not nicht allein sind.
Nicht zuletzt danken wir von ganzem Herzen all jenen, die sich in welcher Form auch immer dafür eingesetzt haben, Leben zu retten, Vermisste zu identifizieren und die Wahrheit zu suchen. Denn darauf fusst das Vertrauensverhältnis zwischen unseren Institutionen und der Gesellschaft, der sie dienen.
Die Hoffnung wird zurückkehren – in ein Leben, das bei den einen geprägt sein wird durch die unendliche Leere des Verlustes und bei den andern durch den beschwerlichen, langwierigen und unsicheren Prozess der Genesung. Sie trocknet unsere Tränen. Sie vermag zu heilen, auch wenn sie nicht immer greifbar ist. Hoffnung erwächst aber auch aus der Gewissheit, dass unsere Justiz imstande ist, Verfehlungen rasch und schonungslos aufzudecken und zu ahnden. Wir haben nicht nur eine staatliche Verpflichtung, sondern auch eine moralische Verantwortung.
Wenn die Kraft der Zeit heute im Zentrum unserer Gebete steht, so deshalb, weil die Zeit tief in unserem Bewusstsein verankert ist: Ohne eine Seele, die sich erinnert und vorausblickt, sagt der heilige Augustinus, gäbe es keine Zeit. Die Zeit lebt in uns. Sie ist das, was wir sind.
Heute, am 9. Januar 2026, gedenken wir all jener, die am Neujahrstag ihr Leben verloren oder schwere Verletzungen erlitten haben. Heute ist ein Tag des Erinnerns und der Liebe – besonders für die Eltern, Geschwister, Angehörigen und Freunde der Opfer, aber auch für die Bevölkerung, die an der Tragödie von Crans-Montana Anteil genommen hat.
Der heutige Tag verpflichtet aber auch zur Vorausschau. Die zuständigen Behörden und der Gesetzgeber müssen aus dem Geschehenen unbedingt die nötigen Lehren ziehen, um zu gewährleisten, dass öffentlich zugängliche Einrichtungen künftig höchstmöglichen Sicherheitsansprüchen genügen.
Undenkbar, unaussprechbar, unsichtbar. In diesen drei Wörtern spiegelt sich die Fassungslosigkeit, die wir angesichts der Katastrophe noch immer empfinden.
Undenkbar, weil ein Land, in dem Gründlichkeit und Zuverlässigkeit einen so hohen Stellenwert haben wie in unserem, in der Lage sein muss, die Risiken und Gefahren zu erkennen, die immer und überall lauern können.
Unaussprechbar, weil Worte nicht ausreichen, um unseren Verlust, unseren Schmerz und unsere Trauer zu beschreiben oder gar zu bemessen. Trotz allem versuchen wir heute, Worte zu finden. Wir tun gut daran. Denn Trost findet man nicht nur in der Stille, so wohltuend diese auch sein mag.
Unsichtbar, schliesslich, weil so viele unserer Kinder nicht mehr bei uns sind. Sie haben uns in einer Bar verlassen, die nach einem Sternbild benannt war. Im Licht der Sterne werden sie für immer weiterleben.
